
Edeka-Bananen aus dem Giftnebel
Ende September befand sich eine Delegation der ecuadorianischen Gewerkschaft ASTAC (Asociación Sindical de Trabajadores Bananeros Agrícolas y Campesinos – Gewerkschaft der Landarbeiter*innen und Kleinbäuer*innen im Bananensektor) auf Einladung von Oxfam Deutschland auf einer Rundreise durch Europa.
In Berlin trafen sich die Aktivist*innen mit Ministerien, Abgeordneten und Journalist*innen, um auf die nach wie vor schlechten Arbeitsbedingungen im Bananensektor in Ecuador aufmerksam zu machen. Sie forderten den Stopp gesundheitsschädlicher Pestizide, die Einhaltung der Gewerkschaftsfreiheit und eine würdige Bezahlung für die harte Arbeit auf den Plantagen, die auch deutsche Supermärkte beliefern.
Jorge Acosta, Koordinator von ASTAC und ehemaliger Pilot, der aus Flugzeugen Pestizide über den Bananenplantagen ausbrachte, berichtet über verschiedene Aspekte seiner Arbeit.
Wir sind ASTAC, die einzige Branchengewerkschaft im Bananensektor in Ecuador. Als Teil von Oxfams damaliger Kampagne „Make Fruit Fair“ stellten wir die schweren Menschenrechtsverletzungen auf den Bananenplantagen in Ecuador heraus, die die UN-Sonderberichterstatterin für moderne Formen der Sklaverei 2010 vor dem Menschenrechtsrat als „mit der Sklaverei vergleichbar“ bezeichnete.
Vor dem Hintergrund dieser schwerwiegenden Verstöße wiesen wir auf die Mitverantwortung der Supermärkte hin, darunter auch der deutschen. Denn sie zahlen viel zu niedrige Preise für eine Kiste Bananen und geben damit den großen ecuadorianischen und transnationalen Bananenunternehmen den perfekten Vorwand, um Arbeiter*innen auszubeuten.
Mit dem Auftreten so genannter Zertifizierer wie Rainforest Alliance¹, deren Siegel mit dem Frosch viele in Deutschland verkaufte Bananen ziert, verstecken sich produzierende, exportierende, importierende und Supermarkt-Unternehmen hinter diesen Zertifizierern oder angeblichen Nachhaltigkeitsprojekten. Die Ausbeutung betrifft auch Kleinbäuer*innen, die sich als selbstständige Landarbeiter*innen ebenfalls bei ASTAC organisieren.
Gewerkschaftsarbeit gegen den Strom
Die Großkonzerne des Bananensektors stellen eine äußerst gewerkschaftsfeindliche politische Kraft in Ecuador dar. Die Aktionen, die wir gemeinsam mit Oxfam und anderen europäischen zivilgesellschaftlichen Organisationen durchgeführt haben, haben den Zorn der Unternehmen auf sich gezogen.
Der Preis für Gewerkschaftsarbeit: Morddrohungen, Anzeigen, Haft
2018 habe ich eine Morddrohung erhalten sowie zwei Anzeigen bei der Staatsanwaltschaft mit absurden Anschuldigungen, die mangels Beweise fallen gelassen wurden. Sie zeugen von der Absicht, mich einzuschüchtern – ebenso wie der Haftbefehl eines Richters, der mich 12 Stunden lang in Untersuchungshaft festhielt, weil ich die Rechte von Arbeitnehmer*innen verteidigt hatte, die rechtswidrig entlassen worden waren.
ASTAC endlich als Gewerkschaft anerkannt
Nach 14 Jahren Kampf wurde in einem Gerichtsurteil am 25. Mai 2021 endlich unsere Anerkennung als einzige Branchengewerkschaft in Ecuador anerkannt. Das Arbeitsministerium, das sich jahrelang quergestellt hatte, musste unserer Registrierung zustimmen. Jedoch warten wir immer noch auf die Umsetzung des gesamten Urteils, sodass auch andere Arbeitnehmerorganisationen Branchengewerkschaften gründen können.
Wird ASTAC in GIZ-Projekt einbezogen?
Eines unserer Treffen in Berlin war mit der deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit, GIZ. Sie führt aktuell ein Projekt zu Arbeitsrechten im ecuadorianischen Bananensektor durch, an dem die Einzelhändler Rewe, Aldi, Lidl, Kaufland, tegut und dm beteiligt sind.
Die Arbeiter*innen, denen dieses Projekt in Form von existenzsichernden Löhnen und menschenwürdigen Arbeitsbedingungen nützen soll, und ASTAC als einzige Branchengewerkschaft im Sektor müssen daran unbedingt beteiligt werden. Nur sie könnten unabhängig kontrollieren, ob die Ankündigungen der Supermärkte auch umgesetzt werden und sich die Situation vor Ort tatsächlich verbessert.
Mancozeb: Giftiger Pestizidregen
Mangelnder Schutz für Arbeiter*innen
Ein Problem, das wir in Deutschland angeprangert haben, ist der mangelnde Schutz der Gesundheit der Arbeitnehmer*innen.
Die großen Bananenkonzerne setzen in durchschnittlich 40 Sprühzyklen pro Jahr Pestizide ein. 80 % davon entfällt auf das Fungizid „Mancozeb“, das den Arbeiter*innen auf den Feldern schwere Gesundheitsschäden zufügt. Es wird mit 2 Litern pro Hektar auf einer durchschnittlichen Fläche von 200.000 Hektar ausgebracht. Das heißt, dass die Flugzeuge der großen Bananenfirmen mehr als 12 Millionen Liter Mancozeb in die Umwelt ausgebracht haben. Der Einsatz von Mancozeb erfolgt dabei immer gemischt mit anderen Pestiziden, Wasser und Mineralöl. Von dieser Mischung wurden mehr als 145 Millionen Liter ausgebracht.
Auf den Feldern der Kleinbäuer*innen ist das anders: Diese wirtschaften von Natur aus verantwortungsbewusster, weil sie zusammen mit den von ihnen bezahlten Arbeitskräften die Felder bestellen.
EU-Verbot für Mancozeb
Bereits 2009 haben wir eine Klage in den USA gegen die Hersteller von Mancozeb eingereicht. Die Klage wurde damals abgewiesen, hat aber viel Aufmerksamkeit auf dieses Thema gelenkt. Zwölf Jahre danach hat die Europäische Union die Verwendung dieses Pestizids verboten, weil es eine hormonschädliche Substanz ist, ein „endokriner Disruptor“, der mit einer Zunahme bestimmter Krebsarten, Fettleibigkeit, Unfruchtbarkeit, Diabetes, Asthma und neurologischen Entwicklungsstörungen in Verbindung gebracht wird.
Auf der Oberfläche von Lebensmitteln aus der EU wurden in der Vergangenheit Rückstände von Mancozeb gefunden, die die zulässigen Werte überschritten. Die Höhe der Rückstände sind jedoch winzig im Vergleich zu der Menge an Mancozeb, die beim Besprühen einer Bananenplantage in die Umwelt gelangt.
Die Fotos unten zeigen die Besprühung einer Bananenplantage aus der Luft, die von einer Straße durchquert wird - eine Plantage, die übrigens ebenfalls von der Rainforest Alliance zertifiziert ist. Die dichte Wolke aus giftigen Agrochemikalien zieht über die Straße und setzt ihre Reise je nach Windrichtung und -geschwindigkeit fort.
Ein in Europa verbotenes Pestizid - kein Problem in Ecuador?
Bei diesem Bild kommt uns die Ankündigung der Bundesregierung in den Sinn, die den Export von in der EU verbotenen Pestiziden aus Deutschland verbieten will. Jüngst hat Minister Özdemir ein solches Verbot angekündigt, was ein Schritt in die richtige Richtung wäre und die Doppelmoral beenden würde, unterschiedliche Sicherheitsstandards für Arbeiter*innen in Deutschland und anderen Ländern zuzulassen.
Pestizide, die zurecht in vielen Ländern verboten sind, dürfen nicht in andere Länder gelangen und dort Tausende von Arbeiter*innen und ihre Familien krank machen. Gleichzeitig bezieht sich das Verbot lediglich auf Mittel, die in Deutschland produziert werden. Mancozeb und andere giftige Pestizide, die auch deutsche Firmen im Ausland herstellen, werden auch weiterhin unsere Gesundheit gefährden – und auf der Oberfläche der Früchte, die Europa importiert, zurückkehren.
Profite stehen über Menschenleben
Die Antwort der Supermärkte auf dieses Problem besteht darin, dass sie von „zertifizierten“ Bananenfarmen kaufen. Wir baten die Siegelorganisation Rainforest Alliance, ihre Position zum Verbot von Mancozeb in Europa zu erläutern. Die Antwort: Sie erkennen durchaus an, dass Mancozeb als sehr gefährlich eingestuft ist, aber das Verbot gelte ja nur für die Europäische Union. Das ist nicht mehr mit Doppelmoral zu beschreiben, das ist unmoralisch!
Außerdem schrieb Rainforest Alliance uns: „Aber in Anbetracht der Tatsache, dass die verschiedenen Produktionssysteme Zeit brauchen, um sich an diese Beschränkungen anzupassen, wurde eine Ausnahmefrist von drei Jahren gewährt“. Das heißt, für drei weitere Jahre steht das Kapital über dem Leben von Tausenden von Arbeiter*innen, Familien und Gemeinschaften. Wir sollen warten, bis die Pestizidindustrie ein anderes Gift entdeckt, und bis dahin sollen die Arbeiter*innen weiterhin krank werden, sollen ihre Kinder weiterhin mit Missbildungen geboren werden?
WWF-zertifizierte Plantagen für EDEKA: Verletzung von Arbeitsrechten
Die Supermärkte in Deutschland haben eine Verantwortung für die Situation hier in Ecuador, der sie aber nicht gerecht werden. So hat Edeka gemeinsam mit der Nichtregierungsorganisation World Wildlife Fund (WWF) ein Projekt auf verschiedenen Bananenplantagen gestartet. Dort haben wir festgestellt, dass immer noch Arbeitsrechte verletzt werden.
Bezahlung unter Mindestlohn
In Gesprächen mit den Arbeitnehmer*innen kam heraus, dass 55 % von ihnen weniger als den Mindestlohn von 400 Dollar pro Monat bekommen. Bei Frauen ist das Gehalt oft noch niedriger. Der Warenkorb für den Grundbedarf in Ecuador kostet 712 Dollar, weshalb die Mehrheit der interviewten Arbeiter*innen sagt, dass ihre Familien von diesem Lohn nicht in Würde leben können.
Belastung durch Pestizide
Auf den Feldern sind die Arbeiter*innen Mancozeb und seinen Gemischen ausgesetzt, weil sie im Durchschnitt zwei Stunden nach dem Sprühen wieder auf die Plantage zurückkehren müssen. Dabei sehen die Vorschriften in diesem Land eine Wiederbetretungszeit von 12 Stunden vor – in den USA sind es sogar 24 Stunden! So arbeiten die Angestellten auf den Feldern, wenn sie zurückkommen, in einem giftigen Nebel von Mancozeb.
EDEKA schweigt
Die Antwort von Edeka auf diese Missstände? Die Supermarktkette hat das geplante Treffen mit uns in seiner Zentrale in Hamburg kurzfristig abgesagt.
Sorgfaltspflichtgesetze – welche Rolle spielen die Arbeiter*innen?
Aus all diesen Gründen sind wir der Meinung, dass die Sorgfaltspflichtengesetze, die sich gerade in Deutschland und der EU in der Diskussion befinden oder schon verabschiedet wurden, die Arbeitnehmer*innen vor Ort unbedingt einbeziehen müssen. Nur Arbeiter*innen, das heißt Gewerkschaften, können letztendlich überprüfen, ob die Arbeitsrechte tatsächlich eingehalten werden. Und sie sind diejenigen, für die diese Gesetze (vermeintlich) geschaffen wurden.
Schlupflöcher im Lieferkettengesetz schließen
Das deutsche Lieferkettengesetz nimmt auf viele der Missstände Bezug, mit denen wir Bananenarbeiter*innen in Ecuador konfrontiert sind, aber welche Möglichkeiten haben wir, unsere Rechte durchzusetzen? Arbeiter*innen können nicht auf Grundlage des Gesetzes Schadensersatzansprüche geltend machen, diese Möglichkeit wurde auf Druck der Wirtschaftslobby gestrichen.
Wenn die EU-Verordnung Schlupflöcher schließen soll, muss sie:
- die Beteiligung der Arbeiter*innen durch unabhängige Gewerkschaften festschreiben,
- sich auf die gesamte Lieferkette erstrecken und
- uns Rechtszugang in Schadensfällen garantieren.
Diese Forderungen haben wir in unseren Terminen mit Ministerien und Abgeordneten deutlich gemacht.
Konkrete Verbesserungen vor Ort
Genossenschaftssystem
Gemeinsam mit unseren verbündeten zivilgesellschaftlichen Organisationen in Deutschland haben wir ein Projekt der Solidarität und der sozialen Unterstützung für unsere Mitglieder und Gemeinschaften ins Leben gerufen: Mit einem Genossenschaftssystem, das wir aufbauen, werden Tausende von Arbeiter*innen und ihre Gemeinschaften in gemeinschaftlich geführten Läden Zugang zu Artikeln des täglichen Bedarfs zu erschwinglichen Preisen bekommen.
Medizinische Versorgung
Außerdem planen wir Polikliniken für die vielen Menschen, die keinen Zugang zu medizinischer Versorgung haben, denn von den 250.000 Bananenarbeiter*innen sind mehr als die Hälfte nicht sozialversichert.
Wenn die Supermärkte und die deutsche Entwicklungszusammenarbeit die Frage der Menschenrechte ernst nehmen, müssen sie die Stimmen und die Vision der Träger*innen dieser Rechte, nämlich der Arbeitnehmer*innen vor Ort, ins Zentrum stellen.
Presseartikel über die Protestaktion vor einer EDEKA-Filiale in Hamburg
Die Gewerkschaft ASTAC sammelt Geld für die Fertigstellung ihres Büros
¹Schon seit Jahren setzt sich Oxfam mit den oft unzureichenden Standards der Rainforest Alliance auseinander: https://www.oxfam.de/ueber-uns/aktuelles/2017-03-30-neuigkeiten-zertifizierungsprozess-rainforest-alliance
Anmerkung der Redaktion: Auf Anfrage teilte uns Rainforest Alliance mit, dass Mancozeb weiterhin auf den Plantagen benötigt würde, um die Produktion vor Ernteausfällen zu schützen. Daher erkläre sich der stufenweise Ausstieg aus der Nutzung des Pestizids, den Rainforest Alliance verfolgt. Das langfristige Ziel sei eine Zukunft ohne hochgiftige Pestizide. Bis dahin bräuchte es effektive Mechanismen, um zu verhindern, dass Arbeiter*innen Gesundheitsschäden erlitten.